Die Rifkriege

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Die Rifkriege

Die Flagge der Rif-Republik

Sebastian Schmiedel

Die Rifkriege sind eine Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen, die Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre zwischen Spanien und nordmarokkanischen Berberstämmen, den sog. Kabylen, die teilweise von Marokko unterstützt wurden, ausgetragen wurden. Sie gehören zu einer eher unrühmlichen Seite der Geschichte Spaniens. Am Ende konnte Spanien den Krieg zwar für sich entscheiden, musste aber in den drei Kriegen große Verluste hinnehmen. Die Folgen des Senfgaseinsatzes der Spanier im dritten Rifkrieg (1921 – 26) haben Folgen bis in die Gegenwart. Immer noch sind 60% aller Lungenkrebserkrankungen in den Gebieten um das Rifgebirge auf die Kontamination der Region durch das Senfgas zurückzuführen.

Der Norden Marokkos spielte schon seit 1497 eine Rolle in der spanischen Geschichte, als die spanische Krone im Zuge der Kolonialisierung Melilla eroberte. Ende des 19. Jahrhunderts, wollte Spanien seine Besitzungen im Norden Marokkos ausweiten, da es zu diesem Zeitpunkt nahezu alle seine Kolonien überall auf der Welt verloren hatte. Zwar wurde dieses Unternehmen vom marokkanischen Sultan genehmigt, doch diverse Berberstämme in diesen Regionen, über die der Sultan keine Kontrolle hatte und die den Spaniern feindlich gesinnt waren, machten den Spaniern durch Aufstände und gewaltsame Übergriffe das Leben schwer.

Zum Ausbruch des ersten Rifkriegs, auch Guerra de Margallo genannt, kam es dann im Oktober 1898, als mehrere tausend bewaffnete Rifkrieger die Stadt Melilla angriffen. Die zahlenmäßig weit unterlegenen spanischen Soldaten verschanzten sich schnell mit den Einwohnern der Stadt in der Zitadelle und schlugen von dort die Angreifer zurück. Im Gegenzug setzten die Spanier nun ihre schweren Artilleriegeschütze ein und bombardierten die Dörfer um Melilla. Marokko griff nun ebenfalls gegen Spanien zu den Waffen und versammelten seine Truppen vor der Stadt. Darauf machte das spanische Festland mobil und schickte Kriegsschiffe und eine Armee an die nordafrikanische Küste. Dennoch konnte keiner der Seiten sich wirklich durchsetzen und der Gouverneur von Melilla und gleichzeitige General Margallo wurde wieder in die Zitadelle zurückgedrängt. Erst gegen Ende November, als Spanien weitere Kriegsschiffe und Soldaten schickte, konnten die Aufständischen geschlagen werden.

Etwa zehn Jahre später kam es erneut zu Angriffen eines Berberstammes auf spanische Gleisarbeiter. Die Spanier hatten zuvor mit dem Kalifen und Warlord Muley Mohamet erfolgreich um die Nutzung örtlicher Minen verhandelt, worauf dieser von den Berbern entführt wurde. Diese Vorkommnisse lösten 1909 den zweiten Rifkrieg, auch Guerra de Melilla genannt, aus. Zu Beginn des Krieges erlitten die Spanier zwei empfindliche Niederlagen, als sie von den Berbern in zwei Schluchten nahe Melilla geschlagen wurden. Spanien machte wieder mobil und schickte mehrere zehntausend Soldaten nach Marokko, die dank ihrer militärischen Überlegenheit die östlichen Berberstämme unterwerfen konnten. Dadurch konnte Spanien sein Territorium um Melilla ausweiten. Basierend auf dem französisch-spanischen Vertrag, der auf den Vertrag von Fés zwischen Frankreich und Marokko folgte, wurde das Protektorat Spanisch-Marokko – ein Streifen an Marokkos Nordküste und das Rifgebirge sowie im Süden die Provinz Tarfaya - eingerichtet.

Um die im Vertrag festgelegten Gebiete endgültig zu erobern, besetzten die Spanier die Protektoratsgebiete, wodurch 1921 der dritte Rifkrieg oder Guerra del Rif/Guerra de Marruecos ausbrach. Die Berberstämme verstanden dies als Kriegserklärung  und griffen den von Spanien besetzten Ort Annual in Ostmarokko an. Bei dem Angriff starben bis zu 10.000 spanische Soldaten, weshalb diese Schlacht auch als desastre de Annual (spanisch für „Katastrophe von Annual“) in die Geschichte einging. Die Niederlage führte zu einem Strategiewechsel auf Seiten der Spanier. Überall um die Region des Rifgebirges zogen sich die spanische Truppen zurück und verteidigten nur noch reduzierte Gebiete um Melilla und bei Tétuan. Euphorisiert durch den scheinbaren Sieg erklärten die Berberstämme ihr Gebiet zur Rif-Republik, was jedoch der Einigung Spaniens und Frankreichs über die koloniale Aufteilung Marokkos widersprach. Es wurde eine Seeblockade errichtet und die Lebensmittelzufuhr in das Gebiet der Aufständischen unterbunden. Ab 1925 begannen die Spanier, die die Region der „Rif-Republik“ systematisch mit Senfgasattacken anzugreifen. Es wurde über 10.000 Behälter Senfgas in der Gegend eingesetzt. 1927 ergab sich schließlich der letzte Berberstamm, was das Ende der Rifkriege bedeutete.

Noch weitere 30 Jahre bliebt das Gebiet spanisches Protektorat, bis es schließlich 1957 an Marokko übergeben wurde. In den drei Kriegen hat Spanien vor allem aufgrund unüberlegter Aktionen und Unterschätzung der Lage mehrere schwere Niederlagen erlitten, die Tausend Opfer forderte und als Katastrophen in die spanische Geschichte eingingen. Die Orte Ceuta und Melilla im Norden Marokkos gehören bis heute als autonome Städte zu Spanien.

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